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Ein kurzer Text aus Thomas de Neve’s Buch: “Zwischen Malaise und Magie – Theater im Leben – Leben im Theater”
Ein ungewöhnliches Beispiel, was es heißt, reell zu sein…

© 2012 Thomas de Neve Alle Rechte vorbehalten

Geistesgegenwart

Intermezzo 1


Akira Kurosawas Film “Die sieben Samurai” erzählt die Geschichte eines Dorfes von Reisbauern im feudalen Japan des 16. Jahrhunderts. Sie haben erfahren, dass sie nach der Ernte von Banditen überfallen werden sollen, einer Meute, die das Dorf schon früher geplündert hat. Die Bauern beschließen, Widerstand zu leisten, und wollen dafür Spezialisten der Kriegskunst – Samurai – heranziehen. Diese stellen jedoch eine für sie beinahe unerreichbare Kaste vor, und viel Bezahlung können die Bauern auch nicht bieten. Aber glücklicherweise stehen im Ehrencodex der Samurai auch Mitgefühl und Hilfsbereitschaft.
Einer der ersten Samurai, den sie für sich zu gewinnen wissen, übernimmt dann selbst die weitere Werbung und Auswahl. Er setzt sich dafür in einem Fall hinten in ein Haus an der zentralen Straße der Stadt; wie gewöhnlich öffnen sich diese schummrigen Einzimmerwohnungen direkt zur Straße, so daß mit Passanten gut Kontakt aufgenommen werden kann. Hinter dem Pfosten des Eingangs postiert er einen der Bauern mit einem Knüppel und gibt ihm den Auftrag, einen jeden, der eintritt, sofort niederzuschlagen.
Er grüßt einen vorbeigehenden Samurai und lädt ihn freundlich nach drinnen ein. Dieser tritt ein, weicht dem Knüppelschlag elegant aus und setzt sich sonnig und interessiert seinem Gastherrn gegenüber nieder.
Bei diesem Geschehen fällt eine Reihe von Dingen auf, die den eintretenden Samurai als Meister zu erkennen geben:

    • Der Samurai hat keine feststehenden Erwartungen: Er weiß, dass eine freundliche Einladung auch eine tödliche Falle sein kann.
    • Er entwickelt dadurch sinnliche Schärfe. Ob er den Bauern gerochen hat, seinen Schatten auf dem Boden gesehen hat oder einen merkwürdigen Zug im einladenden Lächeln bemerkte – wie auch immer, er durchschaut die Situation, weil er kleinste Details wahrnimmt und ‘zwischen den Zeilen’ der Umstände liest.

    • Er agiert so schnell und derart adäquat, dass dies ein normales Bewusstsein übersteigt. Die glasklare und differenzierte Wahrnehmung der Gesamtlage wird blitzschnell in eine einfache, sehr effektive Handlung umgesetzt. Der Samurai überlässt sich einem intuitiven Geschehen. Kampf hat Hingabe nötig.

    • Er verstrickt sich nicht in unnötige Emotionalität, denn er durchschaut die Situation. Er wird nicht böse, macht keine Vorwürfe, legt es nicht auf Komplimente an, bläst sich nicht auf. Das heißt nicht, dass er unbewogen ist: Er hat Vergnügen an der List seines ‘Kollegen’, Mitleid mit dem armen Tölpel, der ihn niederzuknüppeln versuchte, er fühlt die Gefahr und geniesst den blitzschnellen Kampf. In seinen Gefühlen bleibt er seltsam klar und entspannt. Er bleibt reell.

    • Er heißt Schwierigkeiten willkommen. Er spielt.


Die Banditen werden trotz ihrer materiellen Übermacht besiegt.